Raus aus der Kompetenzlücke

(© Melanie Vogel) Die Arbeitswelt ist im Umbruch. Digitalisierung, Automatisierung aber auch der demografische Wandel sind die Treiber dafür, dass Unternehmen sich zunehmend mehr Gedanken darüber machen, wie die Arbeitswelt der Zukunft organisiert und gestaltet werden kann – und welche Fachkräfte sie für diesen Transformationsprozess benötigen.

Veränderungsbereite Menschen die mitdenken, Fragen stellen, international versiert agieren und kooperativ arbeiten sind entscheidende Zukunftsgestalter und Wertschöpfungsträger, denn sie verkörpern genau die Skills, die unser Menschsein ausmachen.

KI und Computersysteme können standardisierte Routine-Aufgaben übernehmen und mittlerweile oft auch besser lösen. Aber sie können weder hinterfragen, noch Querverbindungen herstellen oder Ideen generieren.  „Computer sind innerhalb der Grenzen ihrer Programmierung außerordentlich gut in der Erkennung von Mustern, doch außerhalb dieser Grenzen verheerend.“ Das schreiben Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee in Ihrem Buch „The Second Machine Age“.

Und obwohl es nicht erst seit Neuestem bekannt ist, dass das Informationszeitalter einen neuen  Typus „Mensch“ im Arbeitsleben verlangt, kommen unsere Bildungssysteme diesem Anspruch bis heute nicht nach. Die Studierenden in meinen Lehraufträgen beklagten sich in jedem meiner Kurse über das sogenannte „Bulimie-Lernen“, das Auswendiglernen und Ausspucken von – sehr oft praxisredundanten – Informationen. Weil ich weiß, dass sie andere Kompetenzen brauchen, forderte ich sie regelmäßig zum kritischen Denken auf, ließ sie Fragen stellen und selbst beantworten, gab ihnen die Chance, ihrer Neugier nachzugehen und zu erleben, wie gut sich freiwilliges Lernen anfühlt.

Der jeweils erste Tag meiner Lehrveranstaltungen war für sie im Regelfall unglaublich anstrengend, weil sie diese Art von Lernen und mentaler Flexibilität überhaupt nicht gewohnt waren. Sie passten sich aber erstaunlich schnell an und waren mit Begleitung und Unterweisung sehr schnell in der Lage, diese neuen Kompetenzen zu erlernen.

Ich halte es für eine sträfliche Unterlassung, dass unsere Schul- und Ausbildungssysteme nicht flächendeckend auf diese neuen Anforderungen reagieren und statt dessen in altbekannter Manier Auswendiglernen belohnen und Schubladendenken vermitteln.

Wenn dem Auswendiglernen und Schubladendenken keine kreativen und sozialen Kompetenzen entgegengestellt werden, erschaffen wir uns eine Generation, die im Wettbewerb mit Kollege Roboter nur verlieren kann, denn Bulimie-Lernen und Schubladendenken ist schon heute die Hoheit der Mensch-Maschinen – und dort sind sie uns haushoch überlegen.

Meine These lautet, dass wir in den kommenden Jahren keinen Fachkräftemangel zu verzeichnen haben, sondern einen Kompetenzmangel. Einen Mangel an Zukunftskompetenzen nämlich, denen heute schon aus Sicht der Personalverantwortlichen die meiste Bedeutung beigemessen wird.

Dieser Mangel und der daraus zwangsläufig entstehende Mismatch sind zu beheben. Wenn der Kompetenzmangel nicht durch das Bildungssystem eliminiert wird, so sind Unternehmen und Individuen gleichermaßen aufgerufen, diesen Missstand zu beheben – und zwar durch konsequente Weiterbildung.

Weiterbildung nämlich, die sich nicht auf die Vermittlung von Fachkompetenzen fokussiert, sondern die mentale Agilität, das Mitdenken und das Fragenstellen trainiert.

Dazu wäre es jedoch notwendig, dass sich in den Unternehmen die Erkenntnis durchsetzt, dass es in Zukunft nicht mehr ausreicht, die „richtigen“ Talente zu finden – es wird sie schlicht nicht mehr in ausreichender Zahl geben – sondern dass es vermehrt darum gehen wird, Talent-Potenziale zu entdecken, die zu „richtigen“ Talenten entwickelt werden.