Weiterbildung 4.0

(© Melanie Vogel) Wissen Sie noch, bei welcher Temperatur Blei schmilzt? Können Sie heute noch die Photosynthese erklären, das französische Verb „être“ konjugieren oder sich an die Gründe für den Untergang des Römischen Reichs erinnern? Falls ja, hat dieses Wissen jemals zu einer Gehaltserhöhung  geführt? Wahrscheinlich nicht, denn ein Großteil dieses Wissens hat vermutlich in den meisten Fällen keinen wirklichen arbeitsrelevanten Bezug. Das Problem ist, dass die deutschen Schulabgänger zwar viel gelernt haben, das meiste davon jedoch keine nützlichen Arbeitsfähigkeiten sind. Arbeitgeber heute bemängeln bei der Generation Z vor allem fehlende Praxis, mangelnde Sozialkompetenzen und Soft-Skills.

Unser gesamtes Schul- und Ausbildungssystem ist nach wie vor darauf ausgelegt, die Arbeitsmarkt-Bedürfnisse des Industriezeitalters zu befriedigen. Junge Menschen lernen immer noch koordiniert, normiert und durchgetaktet. Für Kreativität, Neugier und Fragenstellen bleibt wenig bis gar kein Raum. Das Unterrichten nach Fächern dient nicht dem mentalen Wohl der Schülerinnen und Schüler. Sie lernen so nämlich die spannenden Verknüpfungen beispielsweise zwischen Mathematik und Musik oder zwischen Wirtschaft und Sozialkunde nie kennen. Die Welt wird ihnen in jungen Jahren in zusammenhangslosen Bruchstücken vermittelt. Dadurch lernen sie nicht, in größeren, komplexen, fachübergreifenden Zusammenhängen zu denken und entsprechende Fragen zu stellen. In einer hoch komplexen Welt ist das eine fehlende Kompetenz, die im Berufsleben mühsam erlernt werden muss und sich vielen Menschen auch dort oft nicht erschließt.

Die IW-Weiterbildungserhebung fand vor einigen Jahren heraus, dass deutsche Firmen jährlich rund 34 Milliarden Euro in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investieren. Für 87 % der Unternehmen steht ein flexibel gestaltbares Lerntempo an oberster Stelle, für 86 % mobiles und ortsunabhängiges Lernen. Die Studie stellte fest: Weiterbildung stärkt das Image. Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern durch Weiterbildungsangebote persönliche Entwicklungsmöglichkeiten und Karriereperspektiven (86 %), sie signalisieren eine Unternehmenskultur des Lernens (83 %) sowie Nachhaltigkeit in der Personalstrategie (81 %). Darüber hinaus sind sie eine hilfreiche Maßnahme, um sich gegenüber der Konkurrenz abzuheben (78 %). Und laut IW-Köln steigert die Digitalisierung den Bildungs- und Wissensbedarf. Durch die Umstellung von Arbeitsabläufen entstehen neue Anforderungen, für welche die Beschäftigten qualifiziert werden müssen. Digitalisierte Unternehmen investieren deshalb mehr Zeit und Geld in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter als andere Unternehmen.

Bildung und Ausbildung sind eine Investition in die Belegschaft und ein krisenunabhängiger unternehmerischer Anlagewert. Wollen Unternehmen zukunftsfähig bleiben, müssen sie die Art des Lernens und die dem Lernen gewidmeten Zeitspannen überdenken, indem sie Lernen als flexiblen Appendix in den Arbeitsalltag integrieren. Lernen ist mehr denn je Teil der Arbeit und eine elementare Voraussetzung dafür, dass Unternehmen und Belegschaften ihre Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Ohne kompetentes Personal kann sich ein Unternehmen nicht zukunftssicher aufstellen, darum gilt: Schaffen Sie „Work-Learn-Balance“-Umgebungen.

  • Bieten Sie Rahmenbedingungen, in denen Lernen und Weiterbildung als Mehrwert und Wertschöpfung belohnt wird.
  • Bieten Sie die Möglichkeit zu „Bildungspausen“ – z.B. in der Elternzeit oder der Teilzeit, um so den Kontakt zum Unternehmen und die Bindung zum Arbeitgeber zu halten.
  • Bieten Sie „Just-in-Time“-Weiterbildung gleichwertig neben klassischer Weiterbildung an.
  • Identifizieren Sie veränderungswillige Fachkräfte und fördern Sie diese konkret.
  • Schaffen Sie Raum für „Lern-Kooperationen“ – d.h. ermöglichen Sie den „Wissens(aus)tausch“. So durchbrechen Sie gleichzeitig auch das Silo-Denken.