Wie man ohne Streit anderer Meinung sein kann

(© Melanie Vogel) Politische Differenzen, Polarisierung, Parteilichkeit und Misstrauen gegenüber öffentlichen Institutionen haben aktuell Hochkonjunktur. Die Spaltung der Gesellschaft, die damit einhergeht, macht auch vor Unternehmen keinen Halt. Wer sich außerhalb der Werksmauern aufgrund von Meinungsverschiedenheiten in den Haaren liegt, wird innerhalb kaum in Harmonie miteinander arbeiten können. Zu aufgeheizt ist die Stimmung mittlerweile überall. Ein interessantes Projekt der Stanford University könnte als zielführendes Beispiel einen Ausweg weisen.

Während der Pandemie schlossen sich fünf Colleges und Universitäten in den USA – darunter die Stanford University – zum „Intercollegiate Civil Disagreement Partnership (ICDP)“ zusammen. Ziel dieses Konsortiums ist es bis heute, grundlegende demokratische Prinzipien wie freie Meinungsäußerung, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung zu fördern. Die Studenten sollen hierbei die Fähigkeit erlangen, Gespräche auch über politische Differenzen hinweg zu führen und Räume zu schaffen, in denen zivile Meinungsverschiedenheiten dialogisch ausgetragen werden können.

Während des einjährigen Programms treffen sich alle zwei Wochen etwa 40 Studierende online, um Themen zu besprechen, die ihnen wichtig sind. Die Vielfalt der Gruppe ist hierbei nicht nur ein besonderes Merkmal, sondern auch Grundvoraussetzung für die Wirksamkeit des Programms. Neben unterschiedlichen politischen Richtungen und Interessen, besteht die Gruppe aus erwachsenen Lernende, von denen manche schon Kinder haben. Manche Teilnehmer leben auf dem Land, andere kommen aus städtischen Gebieten. Es gibt Studenten, die beim Militär dienten, und solche, die im örtlichen Bürgerleben aktiv sind. Trotz dieser unterschiedlichen Hintergründe vereint die Gruppe eines: Sie alle wollen authentische und aufrichtige Dialoge miteinander führen.

Im ersten Quartal konzentrierten sich die Teilnehmenden zunächst auf das gegenseitige Kennenlernen. Jeder hält eine Präsentation – ein „bürgerliches Selbstporträt“ – über sich selbst und erzählt von seinen Lebenserfahrungen und wie er dazu kam, die politischen Werte zu vertreten, die er hat. Ziel dieser Phase ist es, Kontakte zu knüpfen und eine Gemeinschaft zu bilden, die auf Offenheit und Verständnis basiert – beides Schlüsselfaktoren für einen echten, sinnvollen Dialog. „Ohne ein grundlegendes Maß an Vertrauen zwischen den Menschen kann es keine zivilrechtlichen Meinungsverschiedenheiten geben“, weiß Collin Anthony Chen von der Stanford University, der das Programm ins Leben rief.

Während des restlichen Dreivierteljahres praktizieren die Studierenden den zivilen Dialog, indem sie Gespräche über verschiedene politische Themen führen. Dazu lernen die Studierenden Strategien, wie beispielweise:

  • Gezieltes Fragen, wie z.B.
    • „Erzähle mir von den Erfahrungen, die deiner Meinung nach deine Sichtweise am meisten beeinflusst haben.“
    • „Das ist eine interessante Perspektive. Hast du schon immer so gedacht, oder hat sich deine Perspektive im Laufe der Zeit verändert und weiterentwickelt?“
  • Neugier dem Gesprächspartner gegenüber
  • Tools, die ihnen helfen, den Verlauf eines Gesprächs einzuschätzen. Beispielsweise nutzen die Studierenden ein „Unstimmigkeitsindex“ – ein Thermometer, das hilft, die Intensität eines Gesprächs zu messen, die von kalt über köchelnd bis kochend reicht. Der Sweet Spot für ein Gespräch liegt am Siedepunkt, an dem die Studierenden über die bloße Höflichkeit im Gespräch hinausgehen und ihre Komfortzone verlassen. Wenn eine Diskussion überhitzt ist, werden die Studierenden ermutigt, innezuhalten, auszusteigen und sich gegenseitig an die Ziele des Gesprächs zu erinnern.

„In einer Debatte versucht man normalerweise, jemanden davon zu überzeugen, dass seine Sichtweise richtig ist“, erklärt Chen. „Während es in einer Demokratie einen wichtigen Ort für Debatten gibt, ist es nicht Ziel des Programms, die Meinung der anderen zu ändern. Vielmehr geht es darum, zuzuhören und Empathie dafür zu entwickeln, was die politische Haltung einer anderen Person geprägt oder beeinflusst hat. Dialoge eröffnen Raum für Nuancen und Verletzlichkeit, der anderswo manchmal schwer zu finden ist.“